Mathias Brambilla

Die Asche des Lyrikers

Übersetzt von Menga Juon

(zum Original «La cendre du poete»)

 

Im Halbschatten der Nacht
ist dein Haar ein Schönheitsfleck
Da, mein Herz schüttet sich im Teich deiner Seele aus
und die Häuser stürzen ein
Ich schreite im Alter voran und mein Körper wimmert,
während mein Pfeil blutig in dich eindringt
Was anderes tun, als sterben um wieder besser aufzuleben,
um den Anschein des Zwanzigsten Jahrhunderts zu geben
In der Höhle hab ich dich mit der Muse und dem Lyriker gesehen,
mit einer schwachen, flüchtigen Geste hab ich dir das Kleinod meines Lebens überlassen
Hast du meine Arbeit im Buche des Gewissens gesehen,
wie ein Apfel auf der Brust des Berges
Da, der Schnee in meinem Zimmer und die zerschlissene Leinwand
Du hast einen Nachgeschmack auf dem Zimtstern meines Mundes hinterlassen

Deine Lippen sind röter als die Kälte, die aus deinem Hals strömt,
und deine Bluse glüht in der Aushöhlung meiner Wortgeflechte
Ich bin nicht mehr der Ritter der andern Welt,
aber ein Tropfen auf der Verletzung deines Schenkels
Die zarte Lücke meiner Begierde schmerzt,
und das Vielleicht einer vagen Zukunft übermannt mich
Ich, der dir den Schrei des Katers hinter dem Fenster zuwirft
während die Wolken sich in meinem Blickfeld stauen
Düster ist der Märtyrer, dir fern
und tragend die Stimme des Künstlers,
dessen Hammer deinen Aschenkörper meisselt

Zeige mir die Welt des Sommers und den Atem des Hauchs,
nenne mir die Geige im Schädel der Stadt
und die Rose mit den kranken Blütenblättern
Schrei mir deine Hoffnungslosigkeit vom Gipfel des Gewitters aus zu
um mir zu sagen, was ich dir zueignen soll:
Den Landsitz mit dem ermatteten Ozean
und die Schramme auf der Strasse der Toten
Der Fährmann führt mich in die Geistersiedlung
Ich sterbe unter dem Gesang deiner weissen Lotuslungen,
blasser als die Sonne der Untergrundseen,
um dem Nebel der Feen zu entrinnen und meine Feder in deine Handfläche zu stecken

Die Sonne glänzt zum ersten Mal,
und dein Haar stürzt in den Sternenwasserfall
Der Mond deiner Lippen fehlt mir,
und der Strahl deines Mundes blüht auf
Welche Lust, in deinen Oberkörper zu beissen,
wenn von deiner Brust Rosen perlen
Die Wärme deiner Schenkel an meiner Liebe aufgesprungen
Ich binde Steine an dein Haar
und säe Friedhöfe auf die Spitze deiner Brüste
Das dem Ende Vorangehende und das ihm Folgende,
wie ein heiserer Fluss im Bauche des Todes
Du bist der Geist, der meinen Arm unter den Bomben festhält,
die Parze mit den durchstochenen Augen
Galoppiere am Strand der Knochen und Skelette,
ich werde deine Kniekehlen im blutrünstigen Schatten pflegen
Der Mord deines Leidens wird mich zur Sprache der Wellen führen
und nackt, am Ufer des ersten Winters der Geschichte,
werde ich meine tiefe Trunkenheit beweinen

Meine Hand unter der Seide deines Lendenschurzes führt mich in den Abgrund
Was wohl tun, ausser im Rumpf der Nacht zu sterben
Was tun, ausser mit meinem Aufschrei die Krankheit deines Schluchzens zu berühren
Im Weiss des Bergtages werde ich deine Augen durchstechen,
und die Wolken werden einen Krieg führen,
um dich im Untergang der Welten zu erobern
Ich werde deine Schattenbilder am Schlamm des Tages festbinden
und Schneebeeren an deinen Blick heften
Ich werde den Turm deiner Bäume besteigen,
mich auf deiner Brust zerschlagen,
denn ich habe deine Wimpern ins Totenbett eingraviert
Im Zahn des bellenden Wolfes befindet sich der Knoten meines Aufschreis
Der Blizzard deines Halses ist in der Kirche aufgeschwollen,
und das Totengeläut hat mir Glockenklänge auf die Stirn geschlagen
Ich hätte dir so gern an der Hecke des Altars zugehört
und deine Gesänge wie Wachslichter zu Reisigruten gebunden
Ich stelle mir einen Schrei vor
Dein Atem zerschellt das Eis der Köder
Umarme den Körper des mit dem Tod ringenden Christus auf dem Hügel,
der Mensch hat ihn ins Dämmerlicht gegossen
Beim Altar wird der Vampir der Morgenröte in deine toten Lippen beissen
und deine Hände vor den Masken und Götzen zum Zucken bringen

Der Frühling in den Kartenkathedralen wird unser sein
und mit frischem Wasser werden wir dem Adler die Flügel ausreissen
Zwischen den Wolken werden wir fliegen,
dem Zug der Milchstrassen entgegen
Bitterkeit
Der Schnee, den du mir im Sommer gekocht hast
meinem neuen Alter zur Ehre,
hat die Wangen meiner Vormittage erröten lassen,
und der Liguster deiner Stimme ist im Feld untergegangen
In der in den Adern der Augen dahinfliessenden Zeit bist du meine Einzige,
die Frau, deren Fusstänze meine Schultern zertrampeln
Werde das Blütenblatt auf meiner Zunge,
die Rose in meinem Ohr,
summe im Honig meines Gebrülls
Wir werden weinen, wenn wir den Herbst in unseren Händen aufwärmen

Deine Röte ist Packeis auf meiner Schreibseite
In den Norden, in die Kälte meines Zimmers werde ich dich zu trinken führen
Im Stroh hör ich dich zittern
Du hältst dein Haar in deinem Schauer gefangen,
denn das Fieber unseres Seins hat die aufgesprungene Hand getötet,
und im Tod werden wir altern, auf das Eis der wunden Körper klettern
Im Fall der Flocken, die ich esse, bilde ich dich ab
In den Gefässen der Grabstele hat die Graupel Raum und Chaos durchquert
Die Matrosen haben sich in unseren Umarmungen ertränkt,
und die Wortwechsel erschufen das Grab
Im Namen vorangeschobener Friedhöfe ist mein Tod keine Erinnerung mehr,
denn du peitschst mein Blut aus, den Winter, die Zeit
Die Sekunden verwischen sich in der aufgeschlitzten Erde,
wenn ich dein Bildnis in den zusammengeschrumpften Körper der Stadt drücke,
um den Tageseinbruch des Gegenwärtigen zu feiern

Dein Blick hat sich auf meine leeren Augen niedergelassen,
und mit dem Blau der Iris entblösse ich dich, um wieder aufzuleben
Erkälte dich nicht im Reif der Leichen,
singe, in der Ferne des papiernen Käfigs,
werde meine Wölfin und nimm meinen Körper zur Schlinge,
denn in meinem Porzellanherz fallen heute Abend Bomben
In den dunklen Pflugspuren schaue ich dich an,
du hast dich und das ausgeblutete Lamm aus dem Zölibat ausgeschlossen
Die Ketten in meinem Gewissen springen auf
Was tun, mit dem Wintersee und unseren erfrorenen Körpern
In den Feuersälen hab ich meine Schulter berührt
Ich will die Erde nicht durchlöchern, um deine Tränen zu feiern
In deinen matten Schenkel will ich beissen,
deine Haut im Einschnitt streifen
Die Wölfinnen schreien dir aus offenen Waldlichtungen zu
Der Zug der Gänse geht im hochschwappenden Schlamm unter
Der Schlaf mit deinen Liedern bestreut meine Brust mit welken Blumen
Dich zu töten wäre ein klares Zeichen, um die Härte des Ozeans zu zelebrieren

Ich bin ein Verkannter,
ein Schlechtgeliebter im Rot des Ozeans
Die Frau meines Lebens ist eine Rose hinter meiner Schulter
Ich wusste, was Liebe ist
Wann denn, werde ich sie wiederfinden
Ich weine meine Tränen vor dem Mut der Heiligen
Ich schlucke meine Schluchzer, um vor meinen Brüdern nicht zu grämen
Ich entfliehe zu der, die war, und verschweige ihr meine Anwesenheit
Die begrabene Magnolie bist du nicht, selbst die Knochen in der Erde nicht
Die, die war und sein wird, bist du im tragischen Requiem meines Todes

Ich denke an deine steinernen Kleider,
an deinen unbefleckten Leib
Die Bomben stürzen auf unsere Leichenwagen,
und in der grossen Ebene bringen wir einander um
Der Rauch übersät unsere Täler,
und die Geister steigen aus ihren Gräbern
Die Knochen des Todes tauchen auf,
schlitzen die weisse Brust auf
Ich kenne bloss dein Gesicht und deine Hände
Ich stelle mir meine Handfläche in deinem Rock vor und meine Zunge auf deinem Auge
Wir sind einander Büffel, die auf der Bergzunge galoppieren,
ein Oberschenkelknochen auf der Lippe des Sommers
Warum hast du mich aus der Totenwelt ausgegraben
Aus dem Schlamm ringend, knacke ich deine Wirbel
und mache aus deinem Rückgrat eine Klapperschlange
Der Leichengeruch berauscht unsere Venen
Ich bin die Marionette, die ihr Schattenbild verloren hat,
die Verbannung der Pottwale
Die Kraken unserer Arme verderben im Dunst,
das Meer wütet auf dem Stein unserer Seelen
Schmettern wir die Wolken zu Boden,
parfümieren wir die abgestorbenen Bäume und ihre Mandibula
schlafen wir mit den Petzern, um aus den Nachwehen geboren zu werden
Die Tülle wird sich in meinem Bein verlieren
Ich verdamme Gott und ignoriere dich
Der Mond hat den Nacken unserer Liebesspiele gegerbt

Der Graupelschauer betäubt uns
Blutkiesel metzeln die Stadt nieder
Die Häuser stürzen unter dem Gewicht ihrer Schuldgefühle ein
Das Fleisch fehlt mir und ich verschlinge die Salzberge, die Wüsten der Schädel
Ich kann dich in dieser Morgendämmerung nicht sehen,
denn du bist mit deinem Bruder

Ich möchte so gern deine Flügel zerreissen,
sie auf die Hinrichtungsmauer nageln,
und aus deinem Bauch, bleicher als der Morgen trinken,
aus deinen, in der Finsternis des Januars anschwellenden Augen
Von deinen Arkaden fallen dunkle Rosen
In den Baumstrunk habe ich dein Gesicht geschnitzt
und auf deine Hände eine Abwesenheit geritzt
Mein Gewissen, tiefgründiger als dein Schatten,
ist im Meer der Honigwellen gestorben
Im Himmel hab ich einen Halbgott ausgeschnitten,
um dir im bleiernen Regen zuzurufen
Nichts als Körper auf den Bergen der Sinne besteigen
Werden wir das Schwarz der Nacht auf der Leinwand wiederfinden
Werden wir die Statue des Winters zertrümmern,
um den Reif der Kerker zu ehren
Die Nebel wiegen schwer auf deinem gefrorenen Becken
und die Brust meiner Seele ist auf deine Liebkosungen geklettert
Ich werde deine Knochen in inniger Umarmung brechen
und deinen Blick im Spiegel der Leere pflegen,
wo die Erde ihre Herden im Namen des offenen Krieges befruchtet

Die Nachtmiliz verfolgt dich im Blumenparlament,
und die Verschmutzung bedroht dein Heim
Verteidige deine Segel und deine Lieder im Krieg der Berge,
dort wo die Gemse den Fels streift, ohne ihn zu berühren
Gegeisselt wird die Nacht deines Feindes
uns auf die Spitze der Herde und auf die Felder führen,
unsere Küsse werden umso mehr Lärm machen
Unsere Münder werden unter den kalten Wasserfällen mürrisch ausrufen
und in einer Lagune werde ich deine wilden Haare pflücken
Im Sand werden wir unsere Wörter verbrennen
In den winterlichen Ozean
werden wir unsere Nieren tauchen und jäh untergehen,
gedenken der Nacht im Glühwein des Meeres
Ich bin die sich aufbäumende Welle
die Wirbellose,
die Viper im Stroh,
und du kleidest dich im Lärm mit grauer Eintönigkeit
Raserei der Welt
Wir werden deinen Bruder trösten,
ihm im Stein des Lebens seinen Gott finden

Ich benötige Zeit, um den Mond zu spalten
Ich benötige Zeit, um das Blütenblatt der Blumen zu vergrössern,
um das Lamm zu gebären
Meine Wolllust hat die Augen auf die fliessende Milch in deinen Venen gerichtet
bis sie eine blaue Furche in der Nacht bildeten
Deine Haut hat die Farbe des Schnees, für den ich blute
Lilien, die ich in der Finsternis geköpft habe, entspringen meinen Handgelenken,
Du bist das Symbol,
die Frau mit dem Feuerkörper
Unsere Zartheit wird allumfassend in der Brust der Erde
Unsere erkalteten Körper verlassend, feiern wir die Nacht
Wir duzen das Nichts
Was tun vor unseren leeren Liebesspielen
Spürst du einen Drang zu mir,
eine olivenfarbene Welle auf der Erde
wie ein düsterer Sonnenwind

Verbannung von Haus zu Haus,
von Ruhestätte zu Ruhestätte
Ich bin aus dem Schloss des Nachsinnens ausgezogen
und steh allein vor dir, um den Stern, den du verkörperst, zu feiern,
zu brüllen, wie der Zentaur
Deine Stimme ist die eines Flügelschlages
Dein Timbre ein Schmetterling auf den Feldern meines Blutes
Auf den Venen meiner Arme
gehst du im Takt des zügellosen Wimpernaufschlages
Auf den Runzeln meines Angesichts stirbst du,
beugst du dich in meinen Mund
Du bist die vertrocknete Blindschleiche,
die irrende Schlangenhaut
Ich habe dir den Schriftsteller des Todes vorgeführt
die zerplatzte Wolke
Ich habe dir meinen Körper geopfert
Er möchte auf deinem Becken zusammenbrechen
Deinen Nieren entwischen Wolfsschreie,
Frauenschreie

 

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Mohammed Kenzi

MIROIR

Il n’y a pas une maison que tu n’habites,
pas un mur, pas un hall que tu n’habilles.
Tu es le grand témoin muet des vestibules,
le confident des petits comme des grands
complice malgré toi de bien des choses.

Certains se confient à toi des bouts des lèvres
et d’autres par provocation te font voir l’enfer
d’autres moins fiers
plongent sans demi-mesure sans grâce, sans retenu, sans gloire,
sans honneur dans les reflets de tes eaux claires et limpides.

Si la jeunesse te vénère,
la vieillesse dieu te hait,
pris entre l’amour, la folie, la haine et le dégoût,
quoi qu’il nous arrive, quoi qu’il se passe,
hélas silencieux toujours par nature, tu le resteras miroir
lisse témoin de nos colères imberbes.

Si les belles un instant te confient leur secret,
jeunettes, boutons, les crèveront sous ton nez,
fleurs de lys et ombrageux narcissiques verront, hélas,
poindre à l’horizon les mauvaises saisons
dans tes eaux apparaître les griffes du temps.

Tu connais les secrets des grands de ce monde,
tous ces puissants qui se méfient de tes ondes.
Mais moi qui te vois là depuis si longtemps,
emmuré depuis bientôt septante ans tapant,
je te rends grâce de m’avoir garder vivant.

Si ma belle un chouya vieilli prématurément...
Ô! Miroir fait en sorte qu’elle ne le voit pas,
toi qui ne sais ni mentir ni user de grimoires,
point de fausses notes quand viendra le soir.
Laisse lui, je t’en conjure ses maigres illusions,
son petit rire d’antan, celui de ses vingt ans.

 

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